30.1. Au Backe

by RITA Gumpricht on 30. Januar 2010

Heute Nacht sollen wir den besonderen Mond des Jahres haben – 15% größer, 30% heller. Ob die Shivafeste sich nach ihm richten, weiß ich nicht, auf jeden Fall treffen sie in diesem Jahr zusammen. Mitten im Tempelhof, eingehüllt von Hitze, Trommeln,Menschen. Ein Zug Kinder von 5 bis ungefähr 18 Jahren zieht ein. Junge Priestergruppen hauen was das Zeug oder die Muskeln hergeben auf ihre Trommeln ein. Die Luft vibriert, lässt jede Zelle beben. Der Schweiß rinnt in Strömen. Die ersten der seit vierzig Tagen zubereiteten Kinder und Jugendlichen fallen in Trance. Jeder von ihnen hat einen Begleiter, der ihn an seinem Lunghi oder wie der gebundene Rock auch immer heißt, festhält. Was keine leichte Sache ist bei der heftigen Trance. Die Priestergruppen werden ausgetauscht bevor sie ermüden und größere Trommeln werden eingesetzt. Sie knallen direkt tief in meinen Bauch rein. Die Köpfe und Körper schwanken immer heftiger. Ströme von Curcumawasser werden über den Jugendlichen ausgeschüttet, Dann werden die bis zu drei Meter langen Spieße herangetragen und los geht’s. Ein spezieller Priester haut treffsicher den Spieß in die linke Wange, knapp neben dem Mundwinkel, ein zweiter schiebt nach und weiter wird der Spieß mit Kraft von innen nach außen gehauen. Kein Blut, kein Schmerzensschrei – vielleicht doch – bei der Lautstärke in die wir eingehüllt sind, ist es unmöglich ihn zu hören. Die Trommeln und die Trance sind etwas Vertrautes für mich und ich schwanke zwischen dem Wunsch mich hineinfallen zu lassen und zur gleichen Zeit stößt mich das Ganze ab. Das ist nicht meine Welt steht ganz groß in mir – und ich bin schockiert. Das was in alten Kulturen als Initiation gehandhabt wurde und den Übergang vom Kind zum Mann darstellte, dahinein werden hier 4-5 jährige Jungen gezogen, selbst kleine Mädchen sind mitten im Geschehen. Ein freundlicher Priester erzählt uns von dem Anstieg des Ansehens der Familien, wenn sich die Kinder jedes Jahr aufs neue diesem Geschehen aussetzen.

Die gespießten Kinder tanzen wirbelnd auf der Straße weiter, ununterbrochen begleitet von den Trommeln. Wir treiben in dem Getümmel eine Rikshaw auf und erleichtert lasse ich das Geschehen hinter mir.

Previous post:

Next post: