Cou-Cou

by RITA Gumpricht on 23. März 2011

Dampf quillt aus allen Erdritzen – und nicht nur Dampf. Manchmal spuckt‘s und sprudelt‘s auch heißes Wasser hoch. Wer das wohl sein mag? Der Sage nach ein alter, gezähmter oder besser, ein transformierter Drache. Vom Feuerspucker zum Wasser-und Wärmespender, das ist doch mal was. Der Weg, den uns unsere freundliche Begleiterin – vom Hotel eigens für uns zur Verfügung gestellt – führt, liegt am Berghang, zieht sich durch Bambus und anderes Grün und natürlich heißem Dampf und immer wieder sprudelndem Wasser durch.
Ein ständig mit Mineralstrudeln überspültes Felsstück ist überzogen mit den schönsten Erdfarben. Das kochend heiße Wasser wird in zwei Rinnen abgeleitet. Vor diesem gelbgoldbraunen Hintergrund möchte ich mich von Xiang fotografieren lassen. Damit möglichst viel von den wundervollen Farben hinter mir zu sehen sind, hocke ich mich nah vor das Felsstück. Klick. Ach, ich möcht‘ noch mal, rutsche näher an den Felsen, rutsche aus und sitz auf meinem Po. 95° schrillt‘s in meinem Kopf und nicht nur da!
Nix passiert. Die Rinne war leer. Nur ein wenig feucht. So sitze ich erleichtert auf meinem Po und lache.

Da wir in China sind und gerade Neujahr ist und weil zu dieser Zeit alle Chinesen unterwegs sind – so kommt‘s mir vor – sind wir natürlich überall von schwarzhaarigen, freundlich lächelnden, schönäugigen Menschen umgeben. Eine der vielen jungen Familien die uns umgeben, schiebt ihre süße kleine Tochter zu mir hin. Sie möchten sie mit mir fotografieren lassen. Mit schwarzen Mandelaugen schaut sie mich an, schreckt zurück, wird näher geschoben und traut diesem Braten, dem sie in so seltsame Augen schaut, überhaupt nicht. So steht sie zwischen weglaufen wollen und zu mir geschoben werden. Irgendwann hat der Papa ein Einsehen, rettet seine niedliche Kleine und nimmt sie in seine Arme. Wir lachen uns an und der Großvater schiebt sich zu mir, fragt mit Worten, Händen und fast auch mit den Füßen nach meinem Alter und allem Möglichen, das ich nicht verstehe.
Dann zeigt er voller Liebe und Großvaterstolz auf seine Enkelin und sagt: „Cou-Cou!“
Ich nicke, lache, zeige auf die Kleine und sage: „Cou-Cou!“ Er strahlt mich an, nickt, zupft an seiner Weste herum und sagt: „Cou-Cou“. Ich dachte, das wär‘ der Name der Kleinen und jetzt heißt das Weste?
Er schüttelt den Kopf und knöpft seine Weste auf, legt die eine Hand auf die rechte Seite und sagt: „Papa“, die andere auf die linke, sagt: „Mama“. Straht und glüht vor Freude auf und während er Cou-Cou sagt, nimmt er einen Knopf und knöpft er die Weste wieder zu. Aha, jetzt hab ich‘s begriffen.
Cou-Cou, der Sinn oder die Bedeutung dieses Namens muss demnach „Das Verbindende“ sein. Wie schön.
Immer, wenn wir uns wieder begegnen, strahlt er mich an, zeigt auf seine Kinder und die Enkelin und sagt… ja, was wohl? Natürlich: „Cou-Cou!“
Ich frage mich, was wohl unser Klaus und Manfred und Karl und Anna und Lisa und so weiter bedeuten?
Weiter geht‘s und aus dem Maul des Drachen strömt erneut ein Schwall heißen Wassers.

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