Esel mit zwei Beinen

by RITA Gumpricht on 1. April 2010

Der Wind fegt in meinen Rücken hiein und hilft mir ein Stück den Pfad hinauf. Stehenbleiben, Globolis gegen die Höhe oder für sie. Trinken. Vier bis fünf Liter. Immer rein damit. Weiter. Die Wüste mir gegenüber berührt mich so sehr. Plötzlich: Ich bin wieder hier. Ich bin wieder da! So stark! Immerzu: Ich bin wieder hier. Ich kenne das! Dann eine Kehrtwende. Wie angewurzelt stehe ich da. Mein Herz weint. Tränen fließen. Ja, ich kenne das. Es ist wie Heimat sehen. Wiedererkennen von lang Verschollenem. Gegenüber Höhlen. Uralt. Felssäule an Felssäule. Höhle an Höhle. Unter ihnen ein Platz mit Mauerresten. Ein Anbetungsort? Ich stelle mich gegen den Felsen, Blase die Conch, das Muschelhorn und zittere am ganzen Körper vor Freude, vor Erschütterung. Dann packts mich richtig. Hut, Brille, alles weg: ES brüllt und schüttelt, ich bin weg.

Luftholen, verschnaufen, weiter. Santosh zeigt in die Ferne: Muktinath. Auch das noch: Die Höhlen liegen in Sichtweite des Heiligtums. Darüber Schneeberge. Sie strahlen in der Sonne. Sie leuchten und glitzern. Glöckengebimmel. Ich liebe diesen Klang. Könnte mich darin einhüllen. Eine Herde Bergschafe und -ziegen weiden am Hang. Weiter. Wohltuend, ein Weilchen sanft Bergabwärts. Ein Teehaus. Pause. Nudelsuppe. Köstlich. Masalatee. Soo gut! Eine Solarschüssel die das Wasser zum Kochen bringt. Fantastisch. Hier in den kargen Bergen. Schutz für unsere Erde. Das ist Mitdenken.

Wir sind auf 3500 Meter Höhe. Die Frau sitzt am Webstuhl vor dem Haus. Leuchtende feine Wollfäden. Weiter. Muktinath entgegen. Immer höher. Globolis. Trinken. Steigen. Weiter. Wer es nach Muktinath schafft, schafft alles. Om Mani Padme Hum. Schritt für Schritt. Mam, alles ok? Yes. natürlich. Stehenbleiben. Luftschnappen. Alles ok, mam? Yes. yes. Weiter. Ossi und Lakpa, einer der Träger, sind nicht mehr zu sehen. Wir sind auf 3700 Meter Höhe. Immer wieder ein Messerstich in meiner Brust. Die Luft so schwer wie Blei. Are you ok, mam?, Dawa, der Sherpa ist so besorgt. Was ist der berühmte Ausspruch Barak Obamas? Yes, we can! Yes I can! Weiter. Ich schleppe mich mit diesem Satz von Meter zu Meter. Schmerz, das Messer. Sitzen. Weiter. Zehn Meter. Fünf Meter. Ich trage dich, schlägt Santosh mir vor. Ich lache. Sehe es vor mir. Höre Chris, wie er in Pokara zum Abschied sagt: Wenn es nicht mehr geht, besorg dir einen Esel, aber keinen mit zwei Beinen. Wir mussten herzlich über diesen Witz lachen und nun? Der Ort liegt vor uns. Wird immer größer. Ich kann alles, was ich will und ich will dahin! Die Dorfstraße. Eine Mauer. Ich kann nicht mehr. Endlich sage ich es. Nicht einen Schritt. Nicht mal bis zum Hotel. Ich bleibe hier erstmal sitzen. Santosh schaut entgeistert: Das ist nicht Muktinath. Schau nach oben. Hier ist Sarkot. 3750 Meter hoch. Fünfzig Meter Höhe trennen uns von Muktinath. Ich sehe es und kann nicht mehr!

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