Kunming und „weißer Wein“

by RITA Gumpricht on 1. April 2011


Farbenpracht, mitten in Kunming. Chris mit seiner Super-Panorama-Kamera und seinem genialen Fotografenauge – das passt doch alles gut zusammen. Ja, dieses hier ist ein weiterer Ausschnitt Kunmings. Wenn ich das so anschaue, steh ich wieder mitten drin im wunderschönen China. Hier ist nichts zu spüren von Einheitsgrau. Modern und farbig, so habe ich die Städte und Orte, durch die wir gekommen sind, erlebt, großzügige Bauten, breite Straßen und das Alte, das Traditionelle, wird mit einbezogen.

Wir wandern durch die Straßen. Ich staune immer wieder über das große Angebot an modernster Bekleidung und an der Leichtigkeit des sichtbaren und spürbaren Wohlstandes. Erst jetzt, nachdem ich schon wieder einige Zeit in Deutschland bin, habe ich erfahren, dass in China vor einigen Jahren die Planwirtschaft aufgehoben wurde und die freie Marktwirtschaft eingeführt wurde.
Mitten auf diesem Platz stand ein riesiges Zelt. Neugierig steigen wir die, mit einem roten Teppich belegten Stufen hinauf – und stehen in einem Fotowerbeshop allerfeinster Güte.
Frau- und mannsgroße Stehfotografien ziehen meine Blicke auf sich, Wedding-Service und natürlich aus alt mach jung und aus jung und schön, mach noch schöner.
An den Tischen sitzen Pärchen, schauen, lassen sich beraten, nicken oder wiegen den Kopf hin und her. Hier ist alles möglich. Von der Cowboy Ausstattung für Pärchen über Napoleon und Josephin, bis hin zur viktorianischen Hochzeitseinkleidung – für jeden Geschmack gibt es sofort das passende Angebot. Alles ist machbar – die Berater – flink, freundlich, kompetent-diskret, nur auf die Beglückung des Kunden bedacht – einfach toll.

Uns zieht es weiter. Wir wollen zu einem alten Tempel, der zu einem Antiquitätenmarkt umfunktioniert wurde.  Und dann sehen wir ihn, mitten zwischen den modernen Bauten steht er. Gepflegt und bestens erhalten. Drinnen herrscht ein reges und doch zurückhaltend höfliches Treiben. Da liegen ausgebreitet alte Jadefiguren, alter Schmuck, alte Münzen. Eine wahre Fundgrube für jeden Sammler.
Es wird gefeilscht, wir werden lächelnd betrachtet, aber nie sehe ich  Aufdringlichkeit und das nicht nur hier im Antiquitätentempel. Diese lächelnde Zugeneigtheit zog sich von Ort zu Ort. Schalen – Kostbarkeiten aus, ich glaub Achat, in der Form eines Lotosblattes gearbeitet – durchscheinend, von einer Schönheit, die zu Herzen geht, wie so vieles hier in China.

Als der Tag zu Ende geht, meldet sich bei mir ein inneres Verlangen. Zum Dinner wünsche ich mir ein Glas schönen, kühlen, trockenen Weißwein. Was macht der liebe Xiang? Er fragt schon gleich am Eingang eines jeden Restaurants, ob sie Weißwein hätten. Ich will schon von meinem Wunsch zurücktreten – da kommt die frohe Kunde: Hier gibt es weißen Wein.
Zur Krönung unseres opulenten Mahles dann: Bitte eine oder gleich zwei Flaschen Weißwein. Komisch sieht die Flasche aus. Durchsichtiges Glas, gefüllt mit glasklarer Flüssigkeit. Wir fragen sicherheitshalber nach. Weißwein? Auf Englisch und Chinesisch: Natürlich, weißer Wein. Und als Nachdruck wird mit dem Fingerknöchel gegen die Flasche geklopft. Dann sehen wir es auch. Wie durch ein Wunder sind unsere Augen aufgetan – jetzt nehmen wir die klare Flüssigkeit vollkommen klar wahr – aber, dass das Wein ist? Das ist schon seltsam. Keiner von uns hat jemals solch einen klaren und farblosen Wein gesehen.
Na, klar. Ist ja auch von hier, der weiße Wein, wird uns stolz verkündet. Kein Winzer fällt vom Himmel – also Flasche öffnen. Der Duft, der uns entgegen strömt, lässt an alles denken, nur nicht an schönen trockenen Weißwein. Alle haben wir getrunken. Runter damit Rita, du wolltest es so, puh, war das ein Zeug. Irgendsoein kratzigimmundliegenbleibender Gebrannter. Wir haben dann mitgenommen, was wir ja schließlich bezahlt haben – für Notfälle. Während der Weiterfahrt, im Bus, zu den Mahlzeiten – niemals wollte irgendjemand sich den Genuss des kratzigen Zeugs antun. Ossi wurde zum Bewahrer des weißen Weines bestellt und erst in Ri Hai oder Ve Haj, wie Xiang mir aufgeschrieben hat, in den Heißen Quellen, konnte er ihn loswerden. Abends vor die Tür gestellt, fand die Flasche Abnehmer. Ein, wenn auch seltsam schmeckender innerer Erwärmer, der den äußeren Genuss des spätabendlichen Rosenblätter geschmückten warm-heißen Mineralbad-Rituales scheinbar erhöhte. Ob sich die Zehennägel nach diesem Genuss aufgerollt haben? Ich habe nicht danach gefragt und am nächsten morgen auf den Gang zu achten, habe ich vergessen.
Zum schönen trockenen, ganz edlen Weißwein bin ich dann doch noch gekommen – in Kanton – an unserem vorletzten Abend in China.

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