Tempelberg und Kalligraph

by RITA Gumpricht on 22. März 2011

Heute verlassen wir Kunming, die Hauptstadt der Provinz Yunnan. Wir fahren eine Weile an dem Ufer des großen Sees entlang, der in der Nähe dieser Millionenstadt liegt. Wir sind auf dem Weg nach Dali und wollen zu dem Tempelberg, der am Weg liegt. Durch dichtes Bambusgehölz führt die Straße in die Höhe. Unser Fahrer fährt immer höher an allen Zahlstationen und Parkplätzen vorbei, bis zum Endpunkt. Ob es erlaubt ist, rührt uns wenig. Wir haben bis zu den verschiedenen Tempeln immer noch zu Fuß einiges an Höhe zu überwinden.
Dann müssen wir aussteigen und kühle Höhenluft umgibt uns. Alte Stufen nehmen uns auf. Die Seitengeländer scheinen aus Marmor zu sein. Sie sind wunderschön geschnitzt, mit glatten Handläufen, die immer wieder von den verschiedensten Figuren unterbrochen sind. Die Stufen sind schmal, für kleinere Füße als die meinen gemacht. Sie führen ziemlich steil in die Höhe. Neben dem Geländer geht es direkt in die Tiefe. Der Berg scheint sich aus dem tief unter uns liegenden See zu erheben. Bambus versperrt immer wieder den Blick hinab. In Nepal habe ich das erste Mal bemerkt, dass ich keine Höhenangst habe und hier bestätigt es sich wieder einmal. Es macht, trotz der inneren Erschütterung die ich gerade erlebt habe, Freude, höher und höher zu steigen. Ob es für meine Waden und sonstige Muskeln das gleiche Vergnügen ist, wird sich spätestens morgen zeigen. Ach, nein, es war kein Vergnügen hier hoch zusteigen. Ich war erschöpft von dem gerade Erlebten, meine Beine fühlten sich wie aus Gummi an, und doch zog mich etwas immer höher, fast unwiderstehlich.
Was war geschehen? Schon im Auto, beim Hochfahren, hatte ich einen Tränenklos in meinem Inneren sitzen. Immer noch, nach all den langen Erfahrungen die ich schon mit mir gemacht habe, mag ich nicht einfach losheulen, nur weil so etwas in mir hochsteigt. Also: Ruhig Blut, Brauner, sage ich mir.

In beträchtlicher Höhe dann aussteigen und die Treppen hoch. Ich gehe Stufe für Stufe allein hinter unserer kleinen Gruppe her, bewundere die schöne Treppe und schaue immer  wieder von oben auf den See. Dabei nehme ich das feine Rascheln des Bambus ebenso wahr, wie mein inneres Bewegtsein. Was läuft hier in China nur mit mir ab?

Dann teilt sich die Treppe, ich höre Stimmen, schreite durch den roten, geschnitzten Torbogen, bin auf einer Terrasse, trete an den langen Tisch, sehe einen Kalligraphen bei der Arbeit, und da ist es mit meiner Fassung vorbei. Schluchzend schüttelt es mich und ich bin froh über den Halt an meiner linken Schulter. Die schwarzfremdartigen Zeichen greifen tief in mein Innerstes hinein. Sie rütteln an etwas, für das ich immer noch, jetzt nach Wochen, kaum Worte finde. Chris, neben mir auf dem Bild, reagiert in so feiner, so berührender Weise. Er lässt eine Schriftrolle mit meinem Namen und einer gedichtartigen Beschreibung über „Rita“ anfertigen und schenkt sie mir als Erinnerung an diesen Moment in dem die Ewigkeit mich berührt hat – wie er sagt.
Zurück und trotz der Erschütterung, weiter nach oben, immer die wunderschönen Stufen hoch.
Die Großartigkeit des Ausblicks und dieser altern Tempelanlage vermischt sich mit meinem inneren Erleben, mit der jahrelangen Anziehungskraft der kalligraphischen Zeichen. Gestern Stone Forrest, die riesige Höhle, heute dieser Tempelberg und die Schriftzeichen … ich fühle mich, wie nach außen gestülpt.

Seht Ihr den kleinen Pavillon hoch oben sich an den Fels schmiegen? Bis hierhin schaffe ich es. Schaue hinunter auf den See. Sehe die moderne Autobahn tief unter mir liegen, und fühle mich Jahrtausende zurückversetzt.
Ich stehe in einem dunkelgetäfelten Raum an einem Stehpult und male sorgfältig die schwarzen Zeichen unter der strengliebevollen Aufsicht meines Vaters. Er ist ein alter, zierlicher, etwas gebeugter Mann. Seine schwarzen Augen stehen im Kontrast zu seinem weißen schütteren Bart und dem streng nach hinten, zum Zopf geflochtenen Haar. Wir leben sehr zurückgezogen. Ob es daran liegt, dass er mich als Sohn ausgibt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich liebe sein Wissen. Ich liebe das Schreiben. Ich liebe es, von Ihm unterrichtet zu werden. Darüber, dass ich nicht sein darf, was ich bin, denke ich nicht nach. Ich bin zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt und verehre ihn von ganzem Herzen. Er ist alles, was ich habe. Bei seinem Tod bin ich fast erwachsen. Ich werde unter dem Namen Liu Fan ein bekannter Kalligraph und lebe immer mit der unterschwelligen Furcht vor Entdeckung. Ich bin nicht das, was ich zu sein scheine – aber ich liebe meine Arbeit. Sie scheint mein Sein zu sein.
Dann ein Szenenwechsel: Ich habe mich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebe als ältere Frau, als das, was ich bin und jetzt sein darf, in der Ruhe und Beschaulichkeit eines Landhauses …
Jetzt wackeln mir so sehr die Knie, dass ich mich auf den Hosenboden setze, mich eng an den Felsen drücke und Stufe um Stufe herunterrutsche. Erst als ich wieder die Marmorstufen erreiche stehe ich auf und ruhe mich ein wenig aus.
Weiter als bis zu dem dem Pavillon habe ich es dieses Mal nicht geschafft. Mein lieber Ossi ist natürlich bis oben hin marschiert und war total begeistert – von der Aussicht, von der ganzen alten Tempelanlage. Naja, er wurde ja auch nicht zurückkatapultiert.

China ist wirklich eine Reise oder auch mehrere wert.

 

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